C.G. Jung Gesellschaft Berlin
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Reihe MUSIK UND PSYCHE »Chaos und Liebe: Die Klaviersonate 0p. 110 von Ludwig van Beethoven«

9. Mai 2015 - 15:00 Uhr
Ev. Kirchenforum (Parochialkirche), Klosterstraße 66, 10179 Berlin
ReferentIn: Dr. Jörg Rasche (Berlin)

Beginn der neuen Reihe MUSIK UND PSYCHE
»Chaos und Liebe: Die Klaviersonate 0p. 110 von Ludwig van Beethoven«

Dr. Jörg Rasche schreibt uns dazu:
»Ist die Psychoanalyse ein Pflichtfach für Musiker? Auf den Spuren von Claudio Arrau.
„Freunde und Schüler haben mich oft sagen hören, dass in der idealen Musikschule, wie ich sie mir vorstelle, Psychoanalyse zu den Pflichtfächern zählen würde. Dies und die Tanzkunst“ (Arrau 1967).
Der große Pianist Claudio Arrau hat selbst drei Jahre lang eine Psychoanalyse gemacht, und zwar eine Analyse nach C. G. Jung bei Dr. Hubert Abrahamson aus Düsseldorf. Auslöser war seine Bühnenangst, die er erfolgreich überwand. „Warum Psychoanalyse? Um einem jungen Künstler die Bedürfnisse und Ansprüche seiner Psyche bewusst zu machen, um ihm zu helfen, sich möglichst frühzeitig und nicht erst spät im Leben kennen zu lernen, damit er möglichst früh mit seiner Selbstverwirklichung beginnen kann, die bis zum Ende seines Lebens die wichtigste Triebkraft seines Daseins als Mensch und als Künstler sein muss.“
Arrau erwähnt auch die Freud´sche Analyse, seine Beschäftigung mit Martin Buber oder dem Zen.
„Nach meiner Überzeugung ist jedoch die dem Künstler angemessenste Art die Rückkehr zu der uralten Weis-heit, wie sie in den Schriften Jungs enthalten und in seiner Idee vom kollektiven Unbewussten verkörpert ist.“ Anders als das individuelle Unbewusste enthalte das kollektive die gesamte psychische Geschichte der Menschheit, „die in Gestalt von Mythen, Märchen, Religionen und alten Sitten und Ritualen auf uns gekommen ist. Indem sich Geist und Seele des Menschen entwickelten, indem er seine psychischen Kämpfe der Erlangung, Erneuerung, Verwirklichung und bewussten Wahrnehmung ausfocht und ihnen Symbol und konkrete Gestalt in seiner Gelehrsamkeit, seiner Kunst und seiner Literatur  verlieh, entstand zugleich auch der ganze mystische und mythologische Schatz unserer gesamten psychischen Vergangenheit.“ Diesen Schatz können wir in unserer Seele finden, aber auch in den Werken der Musik, die man sich erarbeitet.
»Psychoanalyse als Pflichtfach« – das umfasst einmal die persönliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Unbewussten. Arrau verdankt ihr seine Karriere, seine Schüler (unter anderen Daniel Barenboim) den unverstellten Zugang zum Musizieren, und wir ihm die vielen wunderbaren Konzerte und Einspielungen. Letztlich geht es darum, die Fähigkeit zur Liebe in sich zu entwickeln. Dazu gehören aber auch die Analyse und das Einleben in die symbolische Struktur der Werke selber. Das Anliegen der Reihe MUSIK UND PSYCHE ist es, hier Einsichten zu vermitteln. Es gibt hier große Schätze zu heben. Und wenn man sich nicht nur mit der spieltechnischen Seite, sondern auch der Psychodynamik der Musikstücke beschäftigt, kann die Musik einen tieferen Sinn offenbaren, der sich nicht im reinen Klang erschöpft.
C. G. Jung sagte einmal, er gehe nicht mehr gern in Konzerte, weil die Musiker oft nicht wissen, was sie da spielen. Die Musik enthalte so viel archetypisches Wissen vom Leben, und die Musiker wissen nichts davon. In der Reihe im Rahmen der Berliner C. G. Jung-Gesellschaft soll etwas von diesem Wissen anschaulich/hörbar gemacht werden.
Die Reihe beginnt mit der späten Klaviersonate As-Dur op.110 von Beethoven. Die Sonate ist ein Schlüsselwerk, insofern sie nicht nur älteste Mythologie musikalisch formuliert, von der Arrau gesprochen hat, sondern auch einen großartigen und beglückenden Wandlungsprozess. Sie spielt sich besser, wenn man weiß worum es geht, und der Hörer erlebt dann ein inneres Geschehen, das er unbewusst kennt und sucht. Für Claudio Arrau war Beethoven ein großes Vorbild: Er macht Mut. Beethoven „erlebte viele Wiedergeburten und zum Schluss dann eine vollständige Verwandlung und Verklärung (…) Beethoven hat stets alle seine Kämpfe gewonnen. Das ist der Grund, weshalb seine Botschaft an die Menschheit und vor allem an junge Leute auch heute noch so bedeutsam ist.“
In anderen Folgen der Reihe „Musik und Psyche“ sollen die Kinderszenen von Schumann, die Chromatische Fantasie von Bach, die Polonaise-Fantasie von Chopin und Grundlegendes zur Psychologie des Kontrapunkts vorgestellt werden. Das Programm ist noch offen.«

Zur Person:
Dr. med. Jörg Rasche, Facharzt für psychotherapeutische Medizin, Psychotherapie und Psychoanalyse, Dozent an den Jung-Instituten Berlin und Zürich, ist auch ein ausgebildeter Musiker. Orgelunterricht erhielt er bei Helmut Walcha, Cembalounterricht bei Gustav Leonhardt, und Klavierunterricht u. a. bei Katia Tchemberdji und Francois Lambret. Sein Buch »Das Lied des Grünen Löwen. Musik als Spiegel der Seele« (2004) ist jetzt in zweiter Auflage bei Psychosozialverlag neu erschienen.

Kostenbeitrag 10 / 8 / 5 €  (Gäste/Mitglieder und Rentner/Studierende und Erwerbslose)