C.G. Jung Gesellschaft Berlin
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C.G. Jung und die Naturwissenschaft

Autor: Willy Obrist · 08.03.2010

Anlässlich der Gründung der Berliner C.G. Jung-Gesellschaft wünschte sich Dr. Volker Hansen von mir einen Artikel zum Thema ‚Jung und die Naturwissenschaft’. Hierzu kommen wohl vielen zuerst die Gespräche, die Jung mit Wolfgang Pauli geführt hat in den Sinn. Auf diese werde ich später eingehen, insbesondere auf deren Stellenwert im Rahmen des Bemühens um eine zeitgemässe Auffassung des Begriffspaares Materie und Geist. Vorerst möchte ich aber die Tatsache ins Bewusstsein heben, dass Jung die Psychologie, die man bis dahin den Geistwissenschaften zugeordnet hatte, zu einer naturwissenschaftlichen Disziplin im vollen Sinn des Wortes gemacht hat.

Jung verankert die Psychologie in der Naturwissenschaft

Psychologie gibt es ja seit den Anfängen der Hochkultur. Im Unterschied zur heutigen, empirisch-wissenschaftlichen war sie jedoch noch mythisch. In Gestalt von Natur erklärenden Mythen  bemühte man sich, jenes gewisse Etwas, das den Körper belebt und nach dessen Tod entschwindet, zu erfassen. In unserer sprachlichen Tradition nannte man es Seele. Vielerorts ‚kannte’ man verschiedene Teilseelen: zum einen sog. Körperseelen, die mit dem leiblichen Tod vergingen, zum andern aber auch eine Geistseele, die nach dem Tode in eine jenseitige Welt entschwand und dort weiterlebte. Lange Zeit vollzog sich diese mythische Psychologie im Kreis der Theologen. Auf jenem Zweig der Bewusstseinsevolution, der zu uns geführt hat, bemächtigten sich dann  –  zumindest seit den Griechen  –  auch die Philosophen der Spekulation über die Psyche.

Empirische Wissenschaft  –  ein völlig neuer Typus von Wissenschaft  –  entstand erst im Europa der Neuzeit.  Sie ersetzte schrittweise die mythischen Theorien durch empirisch fundierte. Allerdings befasste sie sich lange Zeit nur mit der anorganischen Welt. Als dann das Interesse sich den Lebewesen zuwandte, interessierte erst einmal deren Anatomie und Physiologie.

Eine empirisch-wissenschaftliche Psychologie kam erst um die Mitte des 19. Jh. zustande. Sie erhob sich auf dem soliden Fundament des Wissens über Lebewesen, das die biologischen Disziplinen erarbeitet hatten. Allerdings ging sie bei  der Einordnung ihrer Beobachtungen vom materialistischen Menschenbild der Aufklärung aus. In diesem  galt die Vernunft als einziges Geistiges im Menschen: als ein Geistiges, von dem man zudem annahm, es lasse sich mit der Zeit auf die Gesetze der Physik und Chemie zurückführen. Weil das, was man damals Vernunft nannte, in der heute gängigen Terminologie Bewusstsein genannt wird, kann man die frühe empirische Psychologie als Bewusstseinspsychologie bezeichnen. Angesiedelt wurde sie im Universitätsbereich an der philosophischen Fakultät

Als es um 1900 herum Sigmund Freud gelang,  das Vorhandensein eines unbewussten Bereichs der Psyche empirisch nachzuweisen, begann der Paradigmenwechsel von der Bewusstseinspsychologie zur Tiefenpsychologie. Dieser vollzog sich in zwei Schritten. Bekanntlich fasste der frühe Freud das Unbewusste noch als etwas auf, das im Verlauf des individuellen Lebens durch Verdrängen und Vergessen zustande kommt. Jungs historische Tat im Rahmen der Wissenschaftsgeschichte der Psychologie  war dann der Nachweis der Artspezifität des Unbewussten: der Tatsache, das dieses in seiner Grundstruktur angeboren ist. Damit verankerte er  –  vorerst wenigstens de facto  –  die Psychologie in der Naturwissenschaft. Dies zu sehen scheint mir deshalb wichtig, weil in der Schule von C.G. Jung bis heute fast nur auf dem hermeneutischen Zweig geforscht, der theoretische,  in der Naturwissenschaft gründende  hingegen sträflich vernachlässigt wurde.

Mit ihrem hermeneutischen Zweig reicht die Tiefenpsychologie in die Geisteswissenschaften hinein. Er bildete sogar seinerzeit die Brücke, über die Jung die Psychologie mit der Naturwissenschaft verbunden hat. Während nämlich die positivistischen Naturwissenschaften von Beobachtungen ausgehen, die sie mittels der sinnlichen Wahrnehmungssysteme gewonnen haben, geht die Tiefenpsychologie bekanntlich von Gestaltungen des Unbewussten aus. Um aus diesen auf Struktur und Funktion des Unbewussten schliessen zu können, musste erst einmal deren Bedeutungsgehalt verstanden werden. Hierzu waren aber geisteswissenschaftliche Methoden erforderlich. Besondere Schwierigkeiten beim Erschliessen  des Bedeutungsgehalts bereiteten in der Pionierzeit bekanntlich jene Traumelemente, zu denen der Träumer keine Assoziationen aus seiner persönlichen Geschichte beibringen konnte. Zu deren Verständnis  –  und damit zur Entschlüsselung der Bildersprache des Unbewussten  –  leistete Jung den entscheidenden Beitrag.

Als Erstes erkannte er, dass die Figuren, von denen Träumer berichteten, auch in Mythen vorkommen. Daraus schloss er, dass Mythen Gestaltungen des Unbewussten sind: dass durch die in ihnen vorkommenden Gestalten und Geschehensabläufe psychische  –  an sich unanschauliche  –   Sachverhalte und Gesetzmässigkeiten veranschaulicht werden. Dies war eine in der Wissenschaftsgeschichte kaum beachtete Leistung, wurden doch bis dahin Mythen nicht bildsprachlich verstanden, sondern konkretistisch: als Erzählungen über konkrete  –   zu selbständiger Existenz fähige  –   Personen und deren Taten.

Nachdem Jung die bildsprachliche Struktur der Mythen erkannt hatte, und mit der Methode der vergleichenden Sprachforschung an sie heranging, erkannte er, dass die ungeheure Vielfalt mythischer Gestalten und Geschehensabläufe sich auf einige wenige Kategorien von Bedeutung zurückführen lässt. Diese Kategorien nannte er bekanntlich Archetypen. Später gebrauchte er allerdings den gleichen Ausdruck auch für jene neuronalen Strukturen, welche die archetypischen Bilder hervorbringen.

In seinen Lebenserinnerungen schrieb Jung über diese Zeit: „Damals erlebte ich einen Augenblick ungewöhnliche Klarheit, in der ich meinen bisherigen Weg überschaute. Ich dachte: Jetzt besitzest du einen Schlüssel zur Mythologie und hast die Möglichkeit, alle Tore zur unbewussten menschlichen Persönlichkeit zu öffnen „ (Rascher 1962 S.174).

Mit Hilfe dieses Schlüssels verankerte er dann die Tiefenpsychologie in der Naturwissenschaft. So wies er nach, dass der unbewusste Bereich der Psyche in seiner Grundstruktur angeboren ist. Er nannte diesen, da ihm die heutige Terminologie noch nicht zur Verfügung stand, kollektiv. Ferner zeigte er, dass dieser Bereich der Psyche das gesamte im Verlauf der Phylogenese angereicherte Know-how des Lebens enthält, einschliesslich des Programms für die Ontogenese des Bewusstseins. Auch wies Jung nach, dass die Psyche als spontanaktives System zu verstehen ist, dessen Zentrum  –  von ihm als Selbst bezeichnet  –  im unbewussten Bereich liegt. Auch zeigte er, dass dieses die Entwicklung des Ich leitet, wobei es ihm   –  in einer  Bildersprache formulierte  –  korrigierende, bestätigende, Ziel und Sinn gebende sowie erhellende Botschaften zukommen lässt.