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Fahren Sie nach Jerusalem!

Autor: Jörg Rasche · 12.07.2010

Die Altstadt besteht aus verschiedenen Vierteln, in denen jeweils Menschen unterschiedlicher Religionsgemeinschaften beisammen wohnen: Moslems, orthodoxe und nicht so orthodoxe Juden, und Christen verschiedener Kirchen: Syrische, russisch orthodoxe, koptische, armenische u.s.w., eine bunte Mischung von kleinen Milieus und wunderbaren alter Kapellen und Kirchen. Moscheen konnten wir uns wegen des Kriegs nicht ansehen, und wir wurden gewarnt, die arabischen Viertel zu betreten. Das jüdisch orthodoxe Viertel Mea-Sharim außerhalb der Altstadt war am Sabbat gleich ganz abgesperrt. Autos, die am Samstag fahren, werden dort mit Steinen beworfen. Und doch, trotz der Vielfalt an Kulturen, scheint Jerusalem irgendwie zu funktionieren.

Authentische Orte

In der verwinkelten Altstadt findet man die erstaunlichsten Orte. In einer kleinen armenischen Kirche zeigte uns eine Frau eine wundertätige Ikone, die der Heilige Lukas eigenhändig gemalt hat, und im Keller den (wahren) Raum des letzten Abendmahls. Tief unter einem Kloster der Hl. Helena führt ein enger Gang hinab zu einer Zisterne, einer großen Felsenhöhle unter der Stadt, in der im Dunklen das Wasser in einen tiefen See tropft.

Die Grabeskirche am Ende der Via Dolorosa ist die spektakulärste solcher Stätten. In dem großen, zusammengesetzten und weitverzweigten Komplex zeigt man nicht weniger als den Felsen von Golgatha, auf dem die Kreuzigung stattfand, den Stein, auf dem Jesus einbalsamiert wurde (er ist immer feucht von duftenden Öl, man kann die Hand darauf legen und trägt den Duft mit sich), und natürlich die Grabkammer selber. Es ist eine mit unzähligen Öllampen verhängte kleine Kapelle inmitten einer großen byzantinischen Rundkirche. Alles ist voller Kerzen. Viele Gläubige gehen herum, stehen an der Grabkapelle an, entzünden ihre Wachslichter, beten und schauen. Es finden sich zahllose Gänge und Nebenkapellen, die teilweise tief hinab führen unter die Stadt. Da ist die Stelle, wo Helena, die Mutter des Kaisers Konstantin um 300 nach Christus das wahrhafte Kreuz Jesu fand, oder das Grab des Josef von Arimathia, in dem nur eine Kerze brannte und in das wir hineinkriechen konnten. Die ganze christliche Heilsgeschichte ist hier sozusagen begehbar, am Ort, wo alles geschehen ist. Man wandelt durch die Jahrtausende wie durch eine zeitlose Gegenwart.

Am Fuße des Ölbergs liegt die Grabkirche der Maria. Man geht eine breite Treppe hinab in eine uralte Höhlenkirche voller Ampeln und Ikonen. Das Grab der Maria ist eine leere Steinkiste unter dem Altar, in welche die Pilger Geldscheine werfen, von denen sich das kleine griechisch orthodoxe Kloster ernährt, das diese Kirche „betreibt“. Oben auf dem Ölberg zeigt man gar die Stelle, wo Jesus zum Himmel aufgefahren ist. Im Felsen sieht man den Abdruck des Fußes, mit dem er sich offenbar kräftig abgestoßen hat, um in den Himmel hinauf zu fliegen.

Für einen aufgeklärten Menschen sind solche Orte zunächst einmal erstaunlich. Auch ein heutiger evangelischer Christ wird Mühe haben, die vielen Pilger zu verstehen, und die Orte, die man vor vielen Jahrhunderten zu den authentischen Orten erklärt hat. Manche Pilger können sich dem Sog der anfassbaren Heilsgeschichte, des konkret gewordenen Mythos nicht entziehen und entwickeln ein „Jerusalem – Syndrom“, das einige Tage anhält. Eindrucksvoll ist auch, wie viel europäische Geschichte hier verbaut ist, von den byzantinischen Kirchen der Konstantinzeit bis zur Gotik der Kreuzfahrer oder den großen Kirchen, die Kaiser Wilhelm II hier errichten ließ. Vieles aus dem christlichen Mittelalter wurde später von den Moslems zerstört oder umgebaut, und es ist ein ungemein dichtes Puzzle aus allen drei Religionen entstanden.

Auf dem Tempelberg, dem Berg Moria, war es, wo vor 4000 Jahren Abraham seinen Sohn Isaak opfern sollte. Für die Moslems war es Ismael, der Stammvater der Völker, die später dem Prophet Mohammed folgten. Im Felsendom auf dem Tempelberg zeigt man den Felsen, wo Gott dem Abraham einen Widder als Alternative zum Menschenopfer zuführte. Es ist der gleiche Felsen, von dem aus Mohammed in einer Nacht der Verzückung auffuhr in den Himmel, um sich dort mit Abraham und Elia zu unterhalten. Die Schwelle zum Himmel.

Sicher war es auch Geschäftssinn, der dazu führte, dass im dritten Jahrhundert so viele Orte zu den authentischen Stätten des Lebens Jesu erklärt wurden. Lokale Überlieferungen wurden ausgeschmückt und konkretisiert. Doch wirkte dahinter auch ein religiöses Bedürfnis, oder besser: ein psychologisch verständliches Bedürfnis. Die Botschaften der Offenbarung waren und sind nämlich so gewaltig, dass man sich Orte dafür suchte, um nicht überwältigt zu werden. Das gilt wohl für alle drei Religionen. Man brauchte Orte, um sich festzuhalten. Eine Geburtshöhle wie in Bethlehem erleichtert es, sich die Geburt Gottes als Mensch vorzustellen. Der konkrete Fußabdruck des zum Himmel auffahrenden Christus mag helfen, nicht schwindlig zu werden bei der Vorstellung, dass einer, der schon drei Tage tot war, lebend in den blauen Himmel aufsteigt. Oder sind es die Fußspuren des Propheten, der auffuhr in seiner Extase?

Gerade die konkretistisch bis bizarr anmutende Vergegenständlichung der christlichen Legende in Jerusalem hat mir irgendwie geholfen, die christliche Botschaft wieder nach zu buchstabieren – das, was für mich heute diese Botschaft ausmachen kann. Gerade in Jerusalem, und zur Zeit eines Krieges. Hier kommt es nämlich darauf an, dass etwas ernst genommen wird. Diese Erkenntnis versuche ich in diesen Zeilen festzuhalten.

Freitag an der Klagemauer

R., eine Kollegin und Tochter eines 1933 eingewanderten deutschen Psychoanalytikers, begleitete uns am Freitag zur Klagemauer. An diesem eindrucksvollen Stück des Tempelplateaus aus der Zeit des Herodes betrauern die Juden die Zerstörung des Tempels im Jahre 72 nach Christus durch die Römer, die Männer links, die Frauen rechts. Es war schon der zweite Tempel, den sie verloren. Die jüdische Gesetzesreligion mit ihren über 350 Gesetzen ist auch ein Versuch, das Wohlwollen Gottes wieder zu gewinnen, das er ihnen im alten Bund versprochen hatte. An der linken Seite der Klagemauer öffnen sich Gewölbe aus antiker Zeit, in denen wie in einer Synagoge die orthodoxen Juden die Thora lesen und an der Mauer beten. Sie stehen an der hohen Wand aus uralten Steinblöcken, schweigen oder schaukeln beim leisen Rezitieren mit dem Oberkörper. Es ist bewegend für mich als Deutschen, ich spüre vor allem die Klage in den Gebeten. Einmal traten allerdings zwei ebenso orthodox gekleidete Juden mit Schläfenlocken auf mich zu, einer sogar mit dem Tallit auf dem Haupt, und bettelten mich an. Angela Merkel sei prima, sagten sie, und ich solle ihnen etwas für ihre Kinder geben, am besten mindesten 50 Schekel. Das war unverschämt, und traurig an diesem heiligsten Ort der jüdischen Welt, doch irgendwie stimmte es zu diesem Ort. Jetzt sah ich erst, dass im Sich-Wiegen der betenden Männer an der Mauer nicht nur Trance liegt, sondern auch Verlorenheit. Mein Eindruck war, dass selbst orthodoxe Juden mit diesem heiligsten ihrer Orte nicht umgehen können. Vielleicht, so denke ich heute, ist es ein Ausdruck dafür, dass ihr Gott einer ist, der sich verhüllt. Ich denke an Martin Buber, der im Alter sagte, er habe in all den Jahren der intensiven Gottessuche nur einem Gott gefunden, der sich in Schweigen hüllt. Eine Offenbarung im Schweigen. Die Klagemauer ist ein Ort, der zeigt wie kein anderer, dass Gott hier, im Konkreten, nicht zu suchen ist.

Mittags um 12 Uhr begann nun das Freitagsgebet oben über der Mauer, auf dem Tempelberg in der Al Aksha Moschee. Es ist eine der Hauptmoscheen der islamischen Welt, und was hier gepredigt wird gilt als wichtige politische Botschaft. Seit dem Beginn des Gaza – Krieges waren die Freitagsgebete jedes mal von Unruhen in den moslemischen Vierteln gefolgt, und die Stimmung in Jerusalem war auch heute angespannt. Als nun oben auf der Mauer die Stimme des Muezzin durch die Lautsprecher scholl, durchlief es mich wie ein Schauer. Die elektronisch verstärkte Botschaft klang wie ein Geheul, aggressiv und schneidend, und wie eine Kampfansage an die schweigenden schwarzen Juden am Fuße der Mauer.