C.G. Jung Gesellschaft Berlin
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Fahren Sie nach Jerusalem!

Autor: Jörg Rasche · 12.07.2010

Religion und Menschenrechte

Den vorangehenden Text möchte ich, im Dezember 2009, ergänzen. Der Krieg im Gazastreifen ist nun 10 Monate vorbei. Wir wissen heute mehr von der Scheußlichkeit und den Verbrechen auf beiden Seiten. Doch nach wie vor erscheint mir die einzige Lösungsmöglichkeit, von den konkreten politischen Schritten abgesehen (z.B. Ende des Siedlungsbaus im besetzten Land), darin zu liegen, die religiöse Thematik ernst zu nehmen und zu transformieren.

Ein islamischer Gelehrter hat einmal auf die Frage, ob es Gott gäbe, und wenn ja wie viele, eine Antwort gegeben. Er sagte: Wenn es ihn gibt, dann ist er einzig. Wenn es ihn aber nicht gibt, dann sind es drei.

Mir erscheint diese Antwort außerordentlich klug und zeitgemäß.

Ich möchte sie so interpretieren, dass sie die Erfahrung von Gottesferne enthält, die viele Menschen des christlichen und jüdischen Kulturkreises in den letzten Jahrhunderten gemacht haben – vielleicht auch die des Islam. Jede Religion enthält nämlich nicht nur eine positive, sondern auch eine negative Seite, einen Schatten, und in diesem Schatten bewahrt sie ebenso kulturelle Erfahrungen auf wie in der hellen Seite. Hier liegen die bösen Erfahrungen mit der eigenen Religion, die bösen Ahnungen, der Aufruhr, die Klagen um die Opfer und die Projektionen auf die „Anderen“.

Eine Religion, in deren Lichtzentrum der „Glaube“ steht, wird ein besonderes Problem mit dem „Unglauben“ haben. Der Koran ergeht sich in ungezählten Verwünschungen und Bedrohungen der Ungläubigen. Glaube an die Allmacht bedeutet auch Unterwerfung unter diese Allmacht, ohne sie zu hinterfragen; die Grenzen des Kritikfähigen sind hier eng gezogen.

Eine Religion, die auf ein Versprechen Gottes gründet, und die während des ersten Exils in Babylon die Hoffnung auf einen Messias entwickelte, lebt in einer Hoffnung, deren Schattenseite aus schlechten Erfahrungen besteht. Im Zentrum der Anstrengungen stehen die zahlreichen Gesetze, deren Befolgen die Gegenleistung oder Vorleistung für das Erhoffte darstellen. Tiefe Verzweiflung stellt sich ein, wenn die existentielle Hoffnung scheinbar unerfüllt bleibt. Zugleich muss das Gefühl der Auserwähltheit das Misstrauen gegenüber den Geschwistern schüren. Es wird darum gehen, sich die Auserwähltheit, den Segen des Vaters gegebenenfalls zu erschwindeln. Dafür gibt es mannigfache Beispiele im Alten Testament.

Die dritte Religion hat aus dem Segen des Vaters das Prinzip der Liebe gemacht, die allen Kindern gilt. Doch auch Liebe hat einen Schatten, nämlich die Eifersucht. Beides lässt sich nicht trennen. Sicher gehört es zu einem reifen Verständnis der Christlichen Botschaft, auch ein Verständnis für deren speziellen destruktiven Schatten zu entwickeln. Keine Religion hat so sehr wie das Christentum Eifersucht, Neid und Vernichtungswünsche produziert, die scheinbar in keiner Weise mit der Botschaft des neuen Testaments und der Bergpredigt in Zusammenhang zu bringen sind. Schon C. G. Jung war aufgefallen, dass gerade die Botschaft der Liebe zuletzt in der Zerstörungsorgie der Johannes-Apokalypse mündete. Jung meint, es sei eben schwer, immer und anhaltend „gut“ zu sein und den Nächsten so zu lieben, wie sich selbst. Dies ist in etwa auch die Argumentation von E. Neumann in seiner „Neuen Ethik“. Jung hat nach eigenem Bekunden selbst kein spezielles Erweckungserlebnis gehabt, er sagte, die Gunst des Glaubens hätte er nicht. Ich denke, dass die Erfahrung eines Gotteserlebnisses der Liebe hilfreich wäre, um die religiöse Eifersucht besser zu verstehen. Schon Jachwe wandelt sich ja vom alttestamentlichen strafenden Vertragsgott (Hoffnung und Gesetz) zum eifersüchtigen Liebhaber seines Volkes. Das Gesetz wurde dann von Jesus auf das Gebot der Liebe reduziert, von der sich alles ableitet.

Liebe verzeiht.

Das unterscheidet sie von „Glauben“ (der für sich genommen nur Unterwerfung und Strafe kennt, oder das „Erbarmen“, das ebenfalls eine Haltung von oben herab ist, auf ungleichen Ebenen). „Hoffnung“ ist selbst keine Tätigkeit, ihr Gegensatz wäre Hoffnungslosigkeit oder Verzweiflung. Die Gesetze müssen befolgt werden, und zwar von allen, die zum jüdischen Volk gehören; die Strafe bei Nichtbefolgen wird alle gleicher maßen treffen, deshalb kann sich das Individuum da nicht heraus nehmen. Statt des Verzeihens gibt es den Sündenbock, der die Verfehlungen mit sich in die Wüste nimmt und dafür umkommt.

Die „Vergebung der Sünden“ (das heißt der Schuldnachlass für die „Absonderung“) aus „Liebe“ steht demgegenüber im Zentrum der christlichen Lehre. „Siehe, es ist alles neu geworden“ heißt es dann, „so gehe hin und sündige hinfort nicht mehr“. Es muss auch kein Tier mehr geopfert werden, und ein Mensch schon gar nicht.

Die christliche Tradition hat sich bekanntlich von der Ikonologie für metaphysische Erfahrungen wegentwickelt hin zu einer Begründung von moderner Ethik. Es ist eine Konsequenz der christlichen Idee der Inkarnation, dass nun jeder Mensch auch Göttliches enthält und eine entsprechende Würde beanspruchen kann. „Ihr alle seid Kinder Gottes.“ Hier liegt der tiefere Ursprung der Menschenrechte, wie sie als Konsequenz letztlich, und gegen das alte kirchliche Dogma, durch die Aufklärung formuliert wurden. Während die christlich geprägten Bildgeschichten mehr und mehr Privatangelegenheit des modernen westlichen Individuums geworden sind, was ja auch ein Anliegen der Aufklärung war, hat sich das christliche Gebot der Feindesliebe immerhin zu einem Grundrecht gemausert, auf das jeder „Feind“ nun einen einklagbaren Anspruch hat – nicht dass er nun „geliebt“ werden müsste, aber doch immerhin „gereinigt“ werden kann von seiner Schuld, wenn er für sie gesühnt hat. Jeder Mensch hat nun ein Recht auf Vergebung! Und jeder Mensch hat die gleiche Würde, den gleichen Anspruch auf Unverletzlichkeit, das gleiche Recht auf Freiheit und Selbstverwirklichung. Jeder Mensch ist ein Kind Gottes, auch wenn man an keinen Gott mehr glaubt.

Ich mute diese Ausführungen meinem Leser zu aus dem einen Grund:

Ich sehe hier den wichtigsten Beitrag, den eine christlich motivierte, oder auch nur aufgeklärt europäisch begründete Haltung zur Lösung der Konflikte in und um Israel und Palästina bringen könnte. Die Menschenrechte müssen eingehalten werden. Egal, ob es sich nun um ein Kind aus dem palästinensischen Lager handelt, um einen verzweifelten zum Terroristen gewordenen Bruder oder Vater, der zudem von einem religiösen Führer verführt wird, oder ob es sich um einen israelischen Menschen handelt, der die Welt nur aus seiner Sicht erleben kann, nach jahrelanger Militärzeit und mit dem Familienfluch der Shoa auf den Schultern und dem Schwur, ein Holocaust dürfe sich nicht wiederholen.

Die strikte Einhaltung der Menschenrechte, und zwar vor aller militärischen Taktik, ist die einzige Möglichkeit, wie Israel seiner Aufgabe als modernes und einziges demokratisches Land im Nahen Osten erfüllen kann. Israel hat eine Botschaft, es vertritt Europa im Nahen Osten. Seine Botschaft ist zurzeit kaum mehr zu verstehen, vor allem nicht von den palästinensischen und arabischen Menschen in der Region.

Doch wenn man dahin kommen will, muss man über Religion sprechen, auch über den immanenten Schatten der eigenen religiösen Auffassung. Auch wenn man selbst keine religiöse Auffassung mehr haben sollte, denn auch der Atheismus hat einen Schatten – oft besteht er in einer Intoleranz gegenüber Religion selbst. Damit kommt man aber nicht weiter, man muss die Menschen da abholen, wo sie stehen. Und oft ist Religion im Anfang auch ein Ausdruck von Not – im verzweifelten Suchen nach einem Glauben an eine ausgleichende Gerechtigkeit, in der Hoffnung auf Einhaltung eines transzendenten Vertrages, oder in der Liebe aus Hoffnung, einer Gewaltspirale zu entkommen.

Es gibt ja keinen anderen Weg. Jerusalem ist den Menschen gegeben, genau das zu lernen.
Fahren Sie nach Jerusalem!

Dezember 2009