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Fahren Sie nach Jerusalem!

Autor: Jörg Rasche · 12.07.2010

Vielleicht verhält es sich so, dass Religionen verschiedene Wege darstellen (mit unterschiedlichen Denkschulen, Initiationen und Ritualen) die letztlich psychologisch zum selben Ziel führen – einer Wahrnehmung von transzendenter Einheit dessen, was üblicherweise getrennt ist. Es wären verschiedene kulturell geformte Wege von Sinnfindung, d. h. von Individuation. Das wäre mit der Auffassung der Analytischen Psychologie vereinbar, dass letztlich die eindrucksvollen Symbole des „Selbst“ und Bilder eines „Göttlichen“ empirisch nicht unterscheidbar sind. Wenn das so ist, wird verständlich, warum ein religiöses Erleben, zumindest am Anfang, oft mit Inklusion und Exklusion verbunden ist: einer unbestimmten Suche nach, oder einem Gefühl von Zugehörigkeit zur eigenen Glaubensgruppe (einem Gruppen-Selbst), und von Anderssein gegenüber den anderen Gruppen und Religionen. Das „Selbst“ ist verstanden als unbewusstes und umfassendes Zentrum einer jeden Persönlichkeit, und wenn es in die Nähe des Bewusstsein rückt, nimmt es leicht die Gestalt eines archetypischen Symboles an mit einer bestimmten numinosen Aura. Das Selbst als der innere und wahre Kern einer jeden Persönlichkeit verlangt, geschützt zu werden. Als archetypisches Gottes- oder Selbstbild ist es kulturell geprägt und enthält (bewusste und unbewusste) Erinnerungen und „kulturelle Komplexe“ von Jahrhunderten. Doch die religiöse Erfahrung selbst beginnt für jeden Menschen im Innen, im ganz persönlichen und im eigenen kulturellen Bereich. Daher schließ sie zunächst – notwendigerweise – andere religiöse Modelle aus.

Religiöse Erfahrung ist wie eine Leiter, die an den Berg gelehnt ist, und auf der man nach oben steigen kann (dieses Bild stammt ursprünglich aus frühchristlichen Klöstern). Man muss die Leiter bei sich aufstellen, es hat keinen Sinn die Leiter eines anderen benutzen zu wollen. Der Weg nimmt so seinen Ausgang aus den eigenen kulturellen Erfahrungen. Doch je höher man steigt, desto mehr wird man sehen, dass die verschiedenen Leitern oben konvergieren, und dass alle zum selben Gipfel streben.

Ich möchte etwas dazu sagen, was die christliche Auffassung an Eigenem beitragen könnte:

Sowohl die islamische als auch die jüdische Religion sind Gesetzesreligionen, welche die Unterwerfung (Islam) beziehungsweise eine alttestamentarische Vergeltung zur Maxime haben. Es käme heute immer noch einer Häresie gleich, wenn ein Moslem den „Allerbarmer“ des Korans wörtlich ernst nehmen, oder ein Jude die Liebe Gottes über die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk stellen würde. Das müsste ein Christ grundsätzlich anders sehen. Tatsächlich liegt hier das Anstößige, das Empörende sowohl für Moslems als auch Juden. Die Vorstellung eines gefolterten und ermordeten Gottes ist für einen Moslem untragbar – Allah ist von unerhörter Erhabenheit. Die christliche Aussage, mit dem Neuen Testament sei das Heil auf alle Menschen übergegangen, ist für einen orthodoxen Juden untragbar. Soweit gäbe es also keine Lösung des Dilemmas.
Anders könnte es aussehen, wenn alle drei Religionen sich auf ihren Prozesscharakter besinnen könnten. Dann gäbe es nicht die einander ausschließenden Dogmen. Die Leitern konvergieren, je höher man steigt. Die unmittelbare Folge wäre, dass Nachsicht geübt wird gegenüber dem anderen, und dass man von dessen Religion das lernt, was der eigenen abgeht:
Vom Islam die Ehrfurcht, vom Judentum die Verbindlichkeit (die Treue Gottes), vom Christentum die unterschiedslose Zuwendung. Oder mit den Schlagworten: Vom Islam den Glauben, vom Judentum die Hoffnung, vom Christentum die Liebe.

Israel ist ein Teil Europas

Das Land Palästina, der Staat Israel, die palästinensischen Gebiete, in welcher politischen Form auch immer – sind nicht nur von der jüdischen und islamischen Kultur geprägt, sondern auch von der christlichen. Die Spuren des Abendlands sind nicht zu übersehen. In Jerusalem finden sich ebenso viele Bauwerke der europäischen Gotik wie aus den anderen Kulturen: der Jüdischen und der Islamischen. Die jüngere Geschichte des Landes, mit der jüdischen Einwanderung, den Überlebenden und traumatisierten Opfern des Holocaust, der Gründung Israels und der Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung ist mit den Ereignissen im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts unlösbar verknüpft. Heute scheint es, als sei die „Offene Wunde Nahost“ nicht mehr zu heilen.

Die traumatische Geschichte der Juden im letzten Jahrhundert setzt sich, in anderer Gestalt, in den Konflikten um Israel fort. Aus Studien über die Träume von Kindern in Israel und in den palästinensischen Gebieten wissen wir, dass die Themen von Verfolgung, Mord und Hoffnungslosigkeit überwiegen. Auf dieser Ebene ist sozusagen die Prognose extrem schlecht geworden.

Es ergibt sich daraus, dass Europa sich seiner Verantwortung wieder bewusst werden muss. Weil es in Nahost so prominent um Religion geht, muss Religion hier auch angesprochen werden. Es gibt gar keine andere Wahl, auch wenn Europa sich seit der Aufklärung als säkular versteht. Es geht um Europäische Kultur. Religion muss verstanden werden als Beitrag zur Humanisierung, zur Re-Humanisierung der Gesellschaften. Das Christentum als Religion der Liebe muss hier seinen Platz einnehmen.

Die dritte Religion ist wichtig, um die polarisierte Dynamik auszugleichen, wie bei der Triangulierung in der Entwicklungspsychologie. Es geht also um das Gegenteil von „Kreuzzug“. Es geht nicht um Mission, sondern um einen liebevollen Spiegel.

Der römische Papst ist gegenwärtig nicht hilfreich als Repräsentant eines Christentums der Liebe und Vergebung. Auch die kleinen mittelalterlich – christlichen Glaubensgemeinschaften in Jerusalem müssten die Botschaft der Liebe entdecken, anstatt in magischen Ritualen zu versuchen, die Ausstrahlung der authentischen Orte zu bewältigen. Doch wer Jerusalem erlebt hat, der wird nachsichtig auch an dieser Stelle. Es wird den Moslems und Juden ja auch nicht anders gehen. Der Ort Abrahams, des Endes der Menschenopfer, der Ort Davids und Salomos, der Ort der Bundeslade und des Tempels, der Ort Mohammeds sind für ihre Gläubigen nicht weniger zentral als der Ort der Tränen, der Kreuzigung und der Auferstehung.

Wenn es eine Lösung geben soll, dann hier. Es kann gar nicht anders sein. Es ist, als sei diese Stadt den Menschen gegeben, um zu lernen.
Fahren Sie nach Jerusalem!

24. Februar 2009