C.G. Jung Gesellschaft Berlin
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Fahren Sie nach Jerusalem!

Autor: Jörg Rasche · 12.07.2010

Warum, so mag man sich fragen, – und warum ist diese Stadt dennoch so schön? Jerusalem ist eine enorm faszinierende, schöne alte Stadt. Die Silhouette der goldenen Kuppel des Felsendoms, der Moscheen und Minarette und Kirchtürme ist einzigartig. Es ist die heilige Stadt der drei Religionen.

In keiner anderen Stadt der Welt sind die drei Religionen so präsent und so authentisch nebeneinander vertreten wie hier. Wenn sie in irgendeine Beziehung treten, so ist hier der gegebene Ort, denn hier sind sie entstanden oder zumindest entscheidend geprägt worden. Und hier haben sich ihre jeweiligen Anhänger gegenseitig das Leben zur Hölle gemacht. Wenn sich das einmal ändern soll, muss es hier beginnen. Es ist deutlich, dass hier etwas ernst genommen sein soll, was mit Religion zu tun hat.

Frieden und Trauer

Besonders schön war am Ölberg der Garten der russisch – orthodoxen Kirche mit ihren goldenen Türmchen. Ein unerwarteter Frieden war in diesem Garten. Auch der Frieden gehört zum Wesen der drei Religionen, nicht nur das Eifern um die eigene, jeweils für wahr und verbindlich gehaltene Offenbarung. Gibt es einen Unterschied in den drei Konzepten des Friedens? Für den Christen ist der Frieden die Ruhe nach dem Leiden, die Sicherheit des Aufgehoben seins in der Liebe Gottes. Der Weg führt über das Leiden Gottes an seiner eigenen Kreatur Mensch, der er die Freiheit zur Sünde gegeben hat. Daher ist die Vergebung der begangen Fehler entscheidend, die Möglichkeit der inneren und äußeren Umkehr.

Der Frieden am Ölberg war mit Trauer verwebt. Ich empfand, dass ich mit verschiedenen Gefühlen hier angekommen – angenommen war, die ich vorher nicht recht verbinden konnte:
Unsicherheit, was das Erleben dieser Stadt Jerusalem mit mir machen würde, von der ich nur aus der Bibel wusste, aus alten Geschichten und Träumen und von märchenhaften Bildern;
Entspannung nach der Anspannung gestern an der Klagemauer und heute in den arabischen Vierteln;
Freude über die Schönheit des Ortes und der Natur, Freude über den mediterranen Frühling mit der Sonne im blauen Himmel;
Die Trauer um das Schicksal dieses Menschen Jesus, und all derer, die an das Gute glauben und bitter enttäuscht werden;
Die Freude über den tiefen Sinn so vieler Stellen im Neuen Testament;
Die Trauer um Deutschland, wobei sich die Trauer des Holocaust mit der Scham über die unchristlich brutalen Kreuzritter vermischte, deren europäische Kultur mir heimisch ist und die ich doch liebe;
Die Trauer über die Grausamkeit und die hilflosen Fehler der Israelis, angefangen mit den Attentaten der Irgun und militanten Zionisten gegen die britische Mandatsregierung, bis zur Bombardierung von Gaza durch die Israelische Armee;
Eine unterschwellige Beunruhigung über das, was in Gaza gerade geschah, auf beiden Seiten, und worüber ich eine letzte Wahrheit nie erfahren würde. Eine Mischung aus Besorgnis, Empörung und Hilflosigkeit
Die Trauer über die Verbrechen der Hamas, welche die eigene Bevölkerung als Schild und Geißel genommen und ganz Gaza in einen Suizidbomber verwandelt hat; die droht und ankündigt, jeden Israeli zu töten, den sie in die Hände bekommen.
Die Trauer über den Verlust an menschlichen Dimensionen des Fühlens auf beiden Seiten.

In den Gärten am Ölberg war es, als habe ich eigene christliche Wurzeln wieder gefunden. Ich zögere bei dieser Formulierung – sie ist politisch in meinen Kreisen nicht gerade korrekt, und als Psychoanalytiker sind mir die Tröstungen einer Offenbarungsreligion sozusagen grundsätzlich verschlossen. Oder umgekehrt: Ich bin Jungianischer Psychoanalytiker geworden, weil ich dennoch spüre, dass es ein religiöses Grundbedürfnis gibt, das sich am ehesten psychoanalytisch verstehen lässt. Ich schreibe dies auch im Bewusstsein, dass die christliche Religion in der Geschichte ebenso eine Blutspur hinterlassen hat wie die anderen.

Ich finde es eigenartig, dass die Orte in Jerusalem, wo ich eine Empfindung von Frieden spürte, Orte der christlichen Tradition waren, insbesondere der Ölberg mit seinen Gärten. Ich kann mir vorstellen, dass Juden oder Moslems ihren Frieden ganz analog an Stätten ihrer Religion finden. Die Beobachtung wäre also nicht ungewöhnlich.

Zu meinem Erleben gehört jedoch, dass ich spürte, dass in der Auseinandersetzung zwischen den Moslems und den Juden ein Element fehlt, das zu einer Lösung führen könnte, und das im Zentrum der christlichen Auffassung steht, wie ich sie in den vier Evangelien entwickelt finde: Die Vergebung.

Als Psychoanalytiker in der Tradition von C . G. Jung denke ich, dass Religion als menschliches Grundbedürfnis eine archetypische Form des Erlebens und Denkens darstellt, und dass alle Religionen etwas wesentliches davon enthalten.
Es ist nicht nur so wie in Lessings Nathan, dass von den drei Ringen „der rechte nicht mehr erweislich“ war. Vielmehr scheint mir, dass alle drei Ringe wichtig sind und sich ergänzen.

Gläubige der drei Religionen, die in Jerusalem vertreten sind, werden für sich natürlich beanspruchen, jeweils die ganze Wahrheit zu besitzen. Vielleicht ist es auch richtig, dass den Wesenskern einer jeden Religion nur derjenige erkennen kann, der in seiner eigenen Religion lebt, und dass dieser innerste Kern dem Anhänger einer anderen Religion verschlossen bleiben muss.